30.05.2008 | Leute | Silke Bernhart
Gabi Wolfarth schleudert sich in die Spitze
Im Leben von Gabi Wolfarth hat sich in den vergangenen Monaten viel verändert: Neuer Wohnort, neue Schule, neuer Trainer, neue Trainingsgruppe. Ihre sportliche Leistung hat das jedoch nicht beeinträchtigt. Bei den Halleschen Werfertagen steigerte die 18-Jährige ihre bisherige Bestleistung im Hammerwurf jüngst auf 62,26 Meter und ist damit für die U20-WM in Bydgoszcz (Polen) heiße Anwärterin auf einen Platz im Endkampf.
Gabi Wolfarth hat die Norm für die U20-WM schon übertroffen (Foto: Gantenberg)
Doch
zurück zum Anfang: Knapp vier Jahre ist es her, dass die damals 15-Jährige zum
ersten Mal einen Hammer in der Hand hatte. In ihrer ersten kompletten Saison
verbesserte sie den baden-württembergischen B-Jugend-Rekord auf 48,62 Meter,
und auch in den folgenden Jahren konnte sie sich kontinuierlich steigern.
Vor noch nicht ganz einem Jahr erlebte sie schließlich mit dem Gewinn der Deutschen A-Jugend-Meisterschaft den
bisherigen Höhepunkt ihrer noch jungen Karriere: „Vorher war ich ja schon mal
Zweite oder Dritte, da wusste ich, dass ich in der Spitze mit dabei bin. Aber
da hatte ich dann auch endlich mal den Titel.“
Zu
Ende, bevor es richtig begonnen hat?
Dass
es in Ulm so gut für sie lief, war alles andere als selbstverständlich.
Vorausgegangen waren Wochen der Unsicherheit, denn im Württembergischen Leichtathletik-Verband
(WLV) war unklar, ob ihr Trainer Lutz Klemm, dessen Vertrag auslief, weiterhin
eine Trainerstelle erhalten würde. Ohne ihn schien ihre sportliche Perspektive
unklar.
Bei
Lutz Klemm hatte Gabi Wolfarth mit dem Hammerwurf begonnen. Zweimal in der
Woche trainierte sie bei ihm im Stützpunkt in Mannheim, zwei Stunden Fahrtzeit
entfernt vom heimatlichen Niedernhall. „Ich hatte ja noch keinen Führerschein,
sodass mein Vater mich immer fahren musste. Er ist selbständig und hat es sich
so eingerichtet, dass ich zum Training konnte.“
Zu
Hause alle Zelte abgebrochen
Da
die Entscheidung des WLV über die Vergabe der Trainerstelle nicht zeitnah zu
erwarten war, sondern erst nach den Deutschen Jugend-Meisterschaften in Ulm
verkündet wurde, entschloss sich die junge Hammerwerferin schließlich, von der
Unterländer LG/TSV Niedernhall zur LG Eintracht Frankfurt zu wechseln. Die Zeit
drängte, denn sie musste sich zum neuen Schuljahr auch für eine neue Schule
anmelden. Seit August 2007 besucht sie nun die 11. Klasse des Carl-von-Weinberg
Gymnasiums in Frankfurt, das eng mit dem hessischen Olympiastützpunkt
zusammenarbeitet, und lebt dort im Internat.
„Die
Umstellung war schon groß, weil ich ja aus meinem gewohnten Umfeld raus musste
und somit jetzt auch eine Menge meiner Freunde nicht mehr oder nicht mehr so
oft sehe. Auch das Großstadtleben ist neu, ich komme ja vom Land“, erzählt sie
ein wenig wehmütig. Rückgängig machen will sie die Entscheidung jedoch auf
keinen Fall. Schließlich genießt sie im Sportgymnasium und in ihrem neuen Verein
jetzt optimale Trainingsbedingungen.
Training
mit der Weltmeisterin
Bei
der LG Eintracht Frankfurt hat Gabi Wolfarth in Michael Deyhle einen Trainer,
der mit Karsten Kobs und Betty Heidler bereits zwei Hammerwerfer zum Weltmeistertitel
geführt hat. Betty Heidler ist ebenso wie die WM-Fünfte Kathrin Klaas Mitglied
ihrer neuen Trainingsgruppe.
„Es
ist sehr schön, mit so vielen erfahrenen Athleten zusammenzuarbeiten. In der
alten Trainingsgruppe in Mannheim war ich die einzige Hammerwerferin. In
Frankfurt geben die erfahreneren Werferinnen dann auch mal Tipps, sagen ‚Mach
es mal so, probier es mal so, stell dich mal so hin, bei mir klappt das auch
besser.’“ Die Erfolge der Vereinskameradinnen spornen auch den eigenen Ehrgeiz
an: „Das ist schon ein Anreiz, wenn man sieht, was die schon erreicht haben und
was vielleicht bei einem selbst auch noch möglich ist.“
Nationale
Konkurrenz holt auf
Dass
die Zusammenarbeit erste Früchte trägt, zeigen die Wettkampfergebnisse der
letzten Wochen. Bei der Jugend-Winterwurf-DM im Februar siegte die
Neu-Frankfurterin mit persönlicher Bestleistung von 60,90 Meter. Diese Weite
lag bereits über der Norm für die Junioren-WM in Bydgoszcz (57,00 m), der
Normzeitraum begann allerdings erst im April.
Mit
Carolin Paesler (VfB Germania Halberstadt) und Mareike Nannen (SV Holtland)
schoben sich zwischenzeitlich zwei Werferinnen im Rennen um die WM-Plätze an
Gabi Wolfarth vorbei, denn beide übertrafen die geforderte Weite im
Normzeitraum. Den nationalen Wettstreit bewertet die Deutsche Jugendmeisterin
positiv: „Es ist gut zu
sehen, dass die Konkurrenz da ist, im Gegensatz zu den letzten Wettkämpfen,
gerade bei den Deutschen Meisterschaften, als es fünf Meter Abstand gab. Jetzt
muss ich wieder nachlegen und kontern.“
In Halle die Junioren-WM-Norm geknackt
Und
das tat sie bei den Halleschen Werfertagen. Mit drei Würfen über 60 Meter und
neuer persönlicher Bestleistung von 62,26 Metern gewann sie den Wettbewerb der
A-Jugend. Am Tag darauf startete sie auch bei den Juniorinnen und belegte mit
drei weiteren Würfen über die 60-Meter-Marke den zweiten Platz, womit sie
einmal mehr ihr großes Talent bewies.
„Das
war noch nicht das Ende der Fahnenstange“, sagt ihr Trainer Michael Deyhle über
diese Leistung und bezeichnet die Weite seines neuen
Schützlings zurückhaltend als „recht ordentlich“. Er schätzt, dass in dieser
Saison noch ein, zwei Meter mehr drin sind, wenn Gabi Wolfarth die Leistungen
des Trainings abrufen kann. Und mit einer Weite von 65 Metern sei der Endkampf
bei der Junioren-WM möglich. „Was dann kommt, ist auch abhängig von der
Tagesform der anderen Athletinnen.“
Stipendium
für die ReiseBank Akademie
Auch
abseits des Platzes feilt die Gymnasiastin an ihrer Sportkarriere. Sie hat
einen der acht begehrten Plätze in der ReiseBank Akademie ergattert, in der talentierte
Nachwuchsathleten an einem Persönlichkeitsförderprogramm teilnehmen dürfen.
„Ich hatte schon vorher von einigen ehemaligen Stipendiaten gehört, die das
richtig gut fanden, und auch mein Trainer und meine Eltern haben mich darin
unterstützt, mich zu bewerben.“
Der
erste von insgesamt sechs Workshops liegt bereits hinter ihr. „Es begann mit
einem Einführungsworkshop über drei Tage. Die Ausbildenden haben uns viele
Tipps gegeben und uns einfach mal total unvorbereitet in eine
Interviewsituation gesteckt. Das bekommt man ja normalerweise nicht, und die
gemeinsame Auswertung war sehr hilfreich.“
Wenn
sie ihr großes Saisonziel, die Endkampfteilnahme bei der Junioren-WM, erreicht,
wird sie sicher ausreichend Gelegenheit bekommen, ihr neues Wissen in
Interviewterminen anzuwenden.