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16.01.2008 | Aktuell | Anja Herrlitz

Keine Ruhe für Kenia absehbar

Bisher war die kenianische Stadt Eldoret in Leichtathletik-Kreisen vor allem als Läuferhochburg bekannt. Doch seit den Präsidentschaftswahlen am 27. Dezember werden die viertgrößte Stadt Kenias und die Umgebung von heftigen Unruhen heimgesucht. Auch wenn drei Wochen danach viele Athleten die Region und das Land mittlerweile verlassen konnten, ist die Lage vor Ort noch immer unsicher.

Daniel Komen hat Flüchtlinge bei sich aufgenommen (Foto: Schröder)


Jeden Tag gibt es neue Nachrichten aus Kenia, die das Chaos vor Ort beschreiben. Der ehemalige Olympia-Teilnehmer Lucas Sang wurde erschlagen, Marathon-Weltmeister Luke Kibet am Kopf verletzt. Manager fahren über die Dörfer, um ihre Athleten einzusammeln und nach Nairobi zu bringen.

3.000-Meter-Weltrekordler Daniel Komen hat bei sich daheim eine Art Flüchtlingslager mit fast 50 Menschen eingerichtet. Von normalem Leben und regelmäßigem Training können Kenias Spitzenathleten zurzeit nur träumen, wie die früheren Marathon-Weltrekordler Paul Tergat und Tegla Loroupe bestätigen.

Keine Materialien

Wie schlimm es vor Ort wirklich ist, weiß Steffi Brachmann. Einen Tag vor den Wahlen kam sie in Eldoret an. Ende 2003 war die Berlinerin erstmals für ein halbes Jahr im Westen Kenias gewesen, um im „LEWA Children’s Home“, einer Farm, auf der Phyllis Keino, die Ehefrau von Läuferlegende Kip Keino, mit vielen adoptierten Waisenkindern wohnt, den Bau eines Sportplatzes zu betreuen. Dieser sowie der zweite Besuch ein Jahr später wurden vom Auswärtigen Amt, dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) sowie der Willi-Daume-Stiftung finanziell unterstützt. Ziel des Projektes war die Förderung von Sportbeziehungen mit Ländern der dritten Welt.

Der Sport- und Spielplatz sollte repariert und erweitert werden (Foto: Brachmann)


Einen weiteren Besuch Ende 2006 sowie die diesmalige Reise finanzierte die Sportwissenschaftlerin aus privaten Mitteln. Nach dem vergangenen Weihnachtsfest sollten der Sportplatz saniert und erweitert werden. Aufgrund der politischen Lage kam das Projekt aber kaum voran. „Am 29. Dezember wollten wir die Materialien kaufen“, berichtet Steffi Brachmann. Allerdings fingen da schon die Unruhen an, die Straßen wurden blockiert.

Schlaflose Nächte aus Angst

„Mit zwei Arbeitern, die trotzdem kamen, haben wir zumindest ein paar Reparaturen durchführen können“, berichtet die 29-Jährige. „Aber da wir kaum Materialien hatten, stagnierte das Projekt.“ Zudem wurden die Krawalle immer schlimmer. „Die Farm liegt 18 Kilometer außerhalb von Eldoret. Jeden Tag sind bewaffnete Oppositionsunterstützer auf ihrem Weg nach Eldoret vorbeigezogen“, berichtet sie.

Tagsüber konnten die Kinder ausgelassen spielen (Foto: Brachmann)


„In den ersten Tagen hatte ich das Gefühl, es war noch viel schlimmer, als es die Berichterstattung in Deutschland vermittelte“, sagt Steffi Brachmann. „Ich habe mehrere Tage kaum geschlafen, weil ich Angst hatte. Immer wieder hat man Schüsse und Schreie gehört und Rauchfahnen gesehen.“ Nachts empfand es die Berlinerin stets am schlimmsten. „Wenn tagsüber die Sonne schien und die Kinder spielten, kam es einem manchmal gar nicht so schrecklich vor.“

Zu Beginn noch Gefühl der Sicherheit

Anfangs fühlten sich die Bewohner der Farm noch relativ sicher. „Wir dachten, sie überfallen keine Waisenkinder und Weißen. Aber nachdem eine Kirche, in der sich Frauen und Kinder befanden, abgebrannt war, wussten wir, dass den Kämpfern alles egal war.“ Und noch eine andere Tatsache machte die Farm gefährlich. „Es gab bei uns noch einiges zu holen. Lebensmittel, Kühe, Schafe…“

Nachdem fast überall die Straßen blockiert waren, erreichten kaum noch Lebensmittellieferungen die Region. „Wir gehörten zu den Letzten, die noch Essen und Trinken hatten“, erzählt Steffi Brachmann. „Einen Tag standen Kämpfer vor unserem Tor und haben uns gezwungen, sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Am nächsten Tag haben sie sogar unseren Wächter bedroht und kamen auf das Gelände.“

Steffi Brachmann (rechts) kam nur über Umwege nach Deutschland (Foto: Brachmann)


Ausreise mit Hindernissen

Auch die Ausreise aus Kenia war alles andere als einfach für die Berlinerin. „Der Farmmanager ist Holländer und in der Gegend gibt es eine große niederländische Community“, erzählt sie. Über ihn kam sie mit den britischen Volunteers an einen von 32 Plätzen in einem kurzfristig angesetzten Flug nach Nairobi. Problematisch war es allerdings schon, überhaupt zum Flughafen zu kommen. Die Bemühungen, über die Botschaften eine Militäreskorte zu bekommen, waren erfolglos.

„Wir haben uns privat eine Militäreskorte organisiert“, berichtet sie. „Auf den 18 Kilometern von der Farm nach Eldoret gab es mindestens 15 Straßenblockaden.“ In Nairobi angekommen saß Steffi Brachmann jedoch wieder fest, da alle Flüge nach Europa ausgebucht waren. Freunde und Familie organisierten für sie letztlich einen Flug nach Dubai, von wo sie dann nach Deutschland weiterflog.

Keine Beruhigung in Sicht

Auch jetzt steht sie noch in Kontakt mit dem Leuten vor Ort und befürchtet, dass die Region so schnell nicht zur Ruhe kommen wird. „Die Vertreter der Opposition sind um Eldoret sehr stark vertreten. Wenn es Unruhen gibt, sind sie dort wahrscheinlich besonders stark.“ Und auch eine andere Befürchtung hat sie: „Ich denke, die Anzahl der Toten und Flüchtlinge ist noch höher als angegeben.“

Trotz allem will Steffi Brachmann wieder nach Kenia fliegen und das Sportprojekt fortführen – auch wenn ihre Familie nicht begeistert ist. „Aber erst einmal werde ich abwarten, wie sich die Lage vor Ort entwickelt.“ Ein weiteres Ziel wird es sein, auf der Farm auch Unterkünfte und Trainingsmöglichkeiten für Athleten einzurichten, die mit ihrem Aufenthalt wiederum das Waisenhaus unterstützen.

Es gibt die Möglichkeit, die Weiterführung des Projektes mit einer Spende zu unterstützen. Die Angaben zum Spendenkonto sowie mehr Informationen zum Projekt von Steffi Brachmann gibt es unter www.s-i-c-h.com.

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